{"id":321,"date":"2016-05-16T15:25:47","date_gmt":"2016-05-16T15:25:47","guid":{"rendered":"http:\/\/sabine-hartmann-sibbesse.de\/?p=321"},"modified":"2016-05-16T15:25:47","modified_gmt":"2016-05-16T15:25:47","slug":"kalenderfotos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sabine-hartmann-sibbesse.de\/?p=321","title":{"rendered":"Kalenderfotos"},"content":{"rendered":"<p>Ich stellte den verdreckten Pick-up wieder auf genau denselben Parkplatz vor dem Motel, von dem ich vor 10 Stunden losgefahren war. Laura an der Rezeption blickte auf, sah mich besorgt durch die Scheibe an und sch\u00fcttelte den Kopf &#8211; nichts. Dann schob sie fragend das Kinn nach vorne. Ich sch\u00fcttelte ebenfalls langsam den Kopf und formte mit dem Mund \u00fcberdeutlich das Wort \u201enothing\u201c. Nichts hatte ich herausfinden k\u00f6nnen. Zuletzt war ich zu der winzigen Polizeistation im Ort gefahren und hatte Johann vermisst gemeldet. Als ich heute Morgen vom Handyklingeln wach wurde, war er nicht im Zimmer. Der Verlag war dran, um Druck wegen der Kalenderfotos zu machen. Aber Johann war eben Perfektionist. Sein Fotokoffer hatte auf dem Bett gelegen, au\u00dferdem die kleine, tarngr\u00fcne Leinentasche mit dem Aufdruck \u201eIf it doesn`t fit in here you don`t need it out there\u201c, die er gestern bei diesem dicken Hopi gekauft hatte, in dem einzigen \u201eShop\u201c. Er hatte alles bereitgelegt f\u00fcr die Fahrt ins Monument Valley, weil das Wetter endlich gut werden sollte. Ich war wieder nicht aufgewacht, als er sich hinaus geschlichen hatte. Dabei wusste ich, dass der Idiot gelegentlich auf die Pirsch nach Nachtfotos, die oft genug Nacktfotos waren, ging. Bisher war er im Laufe des Vormittags wieder aufgetaucht, meist mit einem m\u00e4chtigen Kater oder ohne Kreditkarte. Warum heute nicht?<\/p>\n<p>Ungeduldig tippte ich gegen das Telefon. Der Officer wollte mich anrufen, sobald er etwas wusste. Als ich ihn sprach, musste er dringend zu einem Einsatz und war mit Blaulicht vom Gel\u00e4nde gerast, bevor die Wagent\u00fcr richtig zu war. Was konnte in diesem verschlafenen Nest passiert sein? Es gab nicht einmal eine Bank, die man \u00fcberfallen konnte.<\/p>\n<p>Als ich am n\u00e4chsten Morgen in den Fr\u00fchst\u00fcckssaal trat, winkte Laura mich heran. \u201eHast du schon geh\u00f6rt, Julia? Sie haben Lizzie gefunden.&#8220; Sie sah mich mit demonstrativ aufgerissenen Augen an, als erwartete sie, dass ein Grizzly hinter mir auftauchte und mich vor ihren Augen zerfleischen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eIch kenne keine Lizzie.&#8220;<\/p>\n<p>\u201eDoch, sie bedient in Gil`s Diner.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Indianerin?&#8220;<\/p>\n<p>\u201ePst\u201c, sie legte beschw\u00f6rend den Finger auf meine Lippen. \u201eSo sagen wir das hier nicht. Sie war eine Hopi, ja.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist mit ihr?&#8220;<\/p>\n<p>\u201eSie ist tot, drau\u00dfen im Valley, nackt hat man sie gefunden.&#8220;<\/p>\n<p>Mir fiel partout keine Antwort ein. Ich pfiff leise durch die Z\u00e4hne.<\/p>\n<p>\u201eIhr Vater sagt, sie hatte einen Verehrer. Sie ist schon vorletzte Nacht viel sp\u00e4ter als sonst von der Arbeit gekommen. Und gestern gar nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Ich hatte pl\u00f6tzlich keinen Fr\u00fchst\u00fcckshunger mehr. Ich musste schleunigst zur\u00fcck in unser Zimmer. Mit fliegenden Fingern lie\u00df ich den Laptop hochfahren, suchte nach den neuesten Dateien. Johann und ich hatten schon viele Auftr\u00e4ge gemeinsam erledigt. Seine Fotos und meine Texte, mein Bankkonto liebte unsere Zusammenarbeit und ich liebte ihn. Er war ein begnadeter Fotograf, ein echter K\u00fcnstler &#8211; mit einer kleinen Schw\u00e4che. Er war verr\u00fcckt nach Nacktfotos von jungen Frauen. Am besten lie\u00dfen sie sich verkaufen, wenn markante Pl\u00e4tze den Hintergrund bildeten &#8211; vielleicht weil die Betrachter die Orte aufsuchen konnten. Vielleicht fotografierten sie dort ihre 120-Kilo-Angetraute und hatten Johanns Fotos vor dem inneren Auge.<\/p>\n<p>So manche 100-Dollarnote hatte den Besitzer gewechselt, wenn w\u00fctende V\u00e4ter oder Freunde ihm auf die Schliche gekommen waren.<\/p>\n<p>Ich hatte Recht. Da waren die Bilder. Lizzies K\u00f6rper wirkte reizvoll auf der roten Erde, genial wie Johann die Tumbling Weeds eingesetzt hatte, um den Eindruck zu vermitteln, dass man etwas erblickte, was eigentlich versteckt geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Aber wo blieb er?<\/p>\n<p>War Lizzie ermordet worden?<\/p>\n<p>Hatte er? Niemals!<\/p>\n<p>\u201eIch muss sie nicht mit den H\u00e4nden anfassen. Mein drittes Auge liebkost sie und bewahrt sie f\u00fcr mich auf, immer jung, selbst wenn das Original schon H\u00e4ngetitten hat.\u201c<\/p>\n<p>Ich sprang auf. Hatte er mich belogen?<\/p>\n<p>Ich riss die Leinentasche vom Bett. Hatte er mich jedes Mal belogen? Die Digitalkamera fehlte. Was hatte er vorgehabt?<\/p>\n<p>Egal, auf jeden Fall musste der Laptop verschwinden, bevor die Polizei uns verd\u00e4chtigte. Ich packte zusammen und ging zum Pick-up. Als ich durch die Lounge ging, piepte der Laptop. Hotspot gefunden. Ich erschrak. Im Wagen rief ich die Nachricht ab. Zwei E-Mails. Johann hatte sie \u00fcber den Funkchip der Kamera versandt.<\/p>\n<p>Die Fotos der ersten Mail zeigten Johann und Lizzie, Geschlechtsorgane in Nahaufnahme, Lizzie mit W\u00fcrgemalen, nach Luft schnappend, Panik im Gesicht. Ich klickte sie weg, \u00f6ffnete die andere Mail.<\/p>\n<p>Das erste Foto zeigte Johann allein. Er lag an einen Felsen gelehnt. Sein Bein war offensichtlich gebrochen. Blut war in den Boden gesickert. Auf den n\u00e4chsten Fotos schroffe Felsen, ein paar gr\u00fcne B\u00fcschel. Ich kannte die Felsformation im Hintergrund. Wir wollten sie f\u00fcr Juli aufnehmen.<\/p>\n<p>Dann ein Sandbild. Mit Buchstaben. \u201eHilf mir.\u201c<\/p>\n<p>Das letzte Foto zeigte strahlende Helligkeit. Er hatte die glei\u00dfende Sonne fotografiert.<\/p>\n<p>Konzentriert l\u00f6schte ich ein Foto nach dem anderen.<\/p>\n<p>Dann ging ich zu Laura, um zu fr\u00fchst\u00fccken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stellte den verdreckten Pick-up wieder auf genau denselben Parkplatz vor dem Motel, von dem ich vor 10 Stunden losgefahren war. Laura an der Rezeption blickte auf, sah mich besorgt durch die Scheibe an und sch\u00fcttelte den Kopf &#8211; nichts. Dann schob sie fragend das Kinn nach vorne. 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