{"id":1277,"date":"2024-08-21T17:39:36","date_gmt":"2024-08-21T17:39:36","guid":{"rendered":"http:\/\/sabine-hartmann-sibbesse.de\/?page_id=1277"},"modified":"2024-08-21T17:39:36","modified_gmt":"2024-08-21T17:39:36","slug":"die-klavier6ank","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/sabine-hartmann-sibbesse.de\/?page_id=1277","title":{"rendered":"Die Klavier6ank"},"content":{"rendered":"\n<p>Laurena Hust<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klavierbank, ein neuer und ungew\u00f6hnlicher Ort, zu dem sich Elijah die letzten Tage zur\u00fcckzog.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Massen eine Produktion erwarteten, die seine bisherigen literarischen Werke bei Weitem \u00fcbertreffen sollte, schlich er nahezu im Schneckentempo zu dem rot-schwarz gepolsterten Sitz, direkt vor dem edlen Klavier.<\/p>\n\n\n\n<p>Einzig und allein das Knarzen der Holzdielen war zu h\u00f6ren. Erst als er sein Ziel erreichte und auf der kleinen Bank platznahm, f\u00fcllte der anhaltende Ton des hohen Cs die Stille des Raumes.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn stritt seine Frau alle Besorgnis mit einer einfachen, plausiblen Ausrede ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo viel Druck. Nat\u00fcrlich musste er tief in Gedanken sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht gab ihm dieser eine Ton eine grandiose Idee.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nach den ersten Wochen, den ersten Monaten, die vergingen, verlor er seine \u00fcbliche Alltagsroutine mehr und mehr. Er a\u00df nur noch, wenn sie ihm das Essen ans Klavier, direkt vor seine H\u00e4nde, stellte. Mitten in der Nacht fand sie ihn mit dem Gesicht auf der Tastenabdeckung schlafend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDieses Klavier\u201c, fluchte Evie innerlich. \u201eWas nur zog ihn so magisch auf diese Bank? Was war so besonders an diesem Ton?\u201c In der Verzweiflung, mit nur noch einer H\u00fclle als Ehemann rannten ihr sogar die l\u00e4cherlichsten Gedanken durch den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist, wenn diese Bank verflucht ist? Was ist, wenn Elijah von einem Geist besessen wurde?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>War er gefangen? So musste sie ihn retten. Sie konnte ihren armen Mann doch nicht einem solchen Schicksal \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tage und N\u00e4chte setzte sie sich zu Elijah in den Salon. Ihr Kopf schmerzte und ihre Finger verloren an Gef\u00fchl, durch all die Notizen, die sie zu der misslichen Lage verfasste.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht soll der Ton etwas bedeuten. Ist es ein Morse Code?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eifrig beobachtete Evie das Senken Elijahs Zeigefingers, hinab auf die Taste des hohen Cs.<\/p>\n\n\n\n<p>Laaaaaaaaaaaaaaang \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Was erwartete sie denn auch? Schlie\u00dflich war der Ton immer derselbe. Ihre Ohren sahen diesen penetranten Ton wohl mittlerweile schon als Hintergrundrauschen an.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie begann zu weinen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eElijah bitte. Ich will dir doch helfen. Was soll ich denn tun?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zittrige F\u00fc\u00dfe taumelten zu dem Mann am Klavier. Evie sch\u00fcttelte seine Schultern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu musst doch nichts ver\u00f6ffentlichen. Sieh nur, was es mit dir macht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er antwortete nicht, er reagierte nicht einmal. Evie konnte nur dabei zusehen, wie sein Brustkorb sich langsam w\u00f6lbte und anschlie\u00dfend wieder in sich zusammenfiel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIst es ein Geist? Ein D\u00e4mon der dich plagt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Knacken des Mobiliars schreckte Evie auf. Sie blickte sich um, versuchte den Ursprung des Ger\u00e4usches auszumachen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIst es das? Ein Geist? Ist er hier?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Herz raste, die Augen folgten hektisch jeder m\u00f6glichen Bewegung im Raum. Die Stille zwang ihr erneut Tr\u00e4nen \u00fcber das Gesicht. Nichts. Keine Ver\u00e4nderung, alles blieb so, wie es die letzten Wochen war. Evie schluchzte laut, sp\u00fcrte ihr Herz schmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Verloren wandte sie ihren Blick erneut zu ihrem Geliebten und erschrak bei dessen Anblick. Seine Augen, sie zitterten, blickten in die ihren. Seit Wochen hob er seinen Blick nicht vom Boden und den Tasten des Klaviers, doch nun starrte er ihr f\u00f6rmlich in die Seele.<\/p>\n\n\n\n<p>So erfreut sie doch \u00fcber einen winzigen Fortschritt war, so ver\u00e4ngstigt war sie von ihrem Mann noch nie gewesen. Mit einem mal erklang ein neuer Ton.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Taste des tiefen Cs wurde herunter gedr\u00fcckt. Erst vier mal kurz, dann eine Pause, gefolgt von zwei weiteren kurzen Kl\u00e4ngen. Danach kurz, lang, kurz, kurz. Pause. Kurz, kurz, lang, kurz. Pause. Kurz. Danach wiederholte sich alles aufs Neue.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarte! I- Ich \u2026 fang nochmal von vorne an. Was sagst du?\u201c Evie hastete an ihren Sitzplatz, an welchem sie ihren Mann zuvor beobachtet hatte. Sie suchte nach ihrem Notizbuch, einem Stift. All die Seiten, sie waren schon beschrieben. Irgendwo musste es doch sein, das Alphabet. Blatt um Blatt fiel zu Boden, w\u00e4hrend pl\u00f6tzlich weitere T\u00f6ne den Raum mit einer unheimlichen Melodie umh\u00fcllten.<\/p>\n\n\n\n<p>Evie blickte von ihren Notizen auf, suchte verzweifelt nach ihrem Ehemann, der spurlos verschwunden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war sie alleine. Alleine mit dem Klavier, welches scharfe unbehagliche Melodien in ihr Geh\u00f6r bohrte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eElijah? Elijah wo bist du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Raum war in Dunkelheit geh\u00fcllt, doch die Nacht war noch gar nicht herangebrochen. Er wirkte ganz anders als zuvor. Evie hatte das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde sie auf einer B\u00fchne stehen, das Klavier im Spotlight und alles um sie herum mit Anspannung und Schw\u00e4rze gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht Elijah. Raphael, werte Dame.\u201c Eine tiefe Stimme hallte aus der Dunkelheit in den Raum hinein. Keine, die sie zuvor jemals geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRaphael?\u201c Evie zitterte am ganzen Leib und presste angespannt das Notizbuch gegen ihren Brustkorb.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGewiss. Elijah ist jedoch nicht weit von uns. Er beobachtet, plant und schreibt. Das war seine Bedingung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBedingung? Was soll das hei\u00dfen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDein Mann, meine Liebe, w\u00e4hlte Fiktion anstatt Liebe. Meiner Meinung nach, seid Ihr ohne ihn viel besser dran. Ein Nichtsnutz, der seine Frau nicht zu w\u00fcrdigen wei\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr ist kein Nichtsnutz. Bringt ihn mir sofort zur\u00fcck. Bitte!\u201c Evie fiel auf ihre Knie, schluchzte und beobachtete durch ihre tr\u00e4nenverschwommene Sicht, wie eine Gestalt in der Dunkelheit wanderte. Etwas kam n\u00e4her.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist leider nicht m\u00f6glich, meine Liebe. Euer so begehrter Ehemann befindet sich nun in einer Zwischenwelt, die er nicht mehr verlassen kann.\u201c Aus den Schatten trat ein menschen\u00e4hnliches Wesen. Ein Mann mit r\u00f6tlicher Haut, H\u00f6rnern und einem Schweif, der geschmackvoll hin und her wankte. Seine Augen leuchteten, wie ein gelbes Feuer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr kann nicht fort sein, bitte. Das hat er nicht verdient.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht verdient? Bitte. Er hat darum gefleht. Er kam angekrochen, wie ein lausiger Wurm. \u201aIch brauche eine Idee, einen Plan. So helft mir doch. Was soll ich denn nur schreiben?\u2018 Was w\u00e4re ich denn f\u00fcr ein Mensch, wenn ich einem solchen Hilfeschrei nicht nachk\u00e4me?\u201c Raphael l\u00e4chelte, trat n\u00e4her an Evie heran und kniete sich zu ihr herab. Evie z\u00f6gerte. Konnte dies vor ihr \u00fcberhaupt als Mensch bezeichnet werden?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch sagte ihm \u201aAch Elijah. Die Geschichten sind \u00fcberall. Ihr m\u00fcsst doch nur einmal eure Augen \u00f6ffnen und sehen, beobachten.\u2018 Trauert nicht, liebe Evie. Schon bald werdet ihr seine Werke lesen k\u00f6nnen. Das wird das Einzige, das euch noch bleibt.\u201c&nbsp; Ein kurzes h\u00e4misches Lachen entfleuchte den teuflischen Lippen. Raphael erhob sich und verschwand erneut in der Dunkelheit. \u201eVertraut mir, ich habe euch nur einen Gefallen getan.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen Minuten erlosch auch die Melodie im Klavier. Der Schatten verschwand, und Evie fand sich in ihrem altbekannten Salon wieder. Alles war beim Alten. Doch Elijah blieb verschollen. Die Klavierbank war leer, einzig und allein ein Buch lag auf dem roten Polster.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es trug den Titel \u201eDie Klavier6ank\u201c, mit einer Widmung an die geliebte Ehefrau \u201eVerzeih mir, Evie\u201c.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laurena Hust Die Klavierbank, ein neuer und ungew\u00f6hnlicher Ort, zu dem sich Elijah die letzten Tage zur\u00fcckzog. W\u00e4hrend die Massen eine Produktion erwarteten, die seine bisherigen literarischen Werke bei Weitem \u00fcbertreffen sollte, schlich er nahezu im Schneckentempo zu dem rot-schwarz gepolsterten Sitz, direkt vor dem edlen Klavier. 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